Sagenhafter Sonntag – Warum Elefanten nicht fliegen können

Nach einer indischen Sage

Die Geschichte zum Anhören…

…und zum selber Lesen:

Habt ihr bisher gedacht, dass Elefanten so große Ohren zum Temperaturausgleich haben? Das stimmt natürlich. Aber es ist nur die halbe Geschichte. Denn vor langer, langer Zeit, damals, als die Götter noch auf der Erde wandelten, nutzten die Elefanten ihre Ohren noch zu anderen Zwecken. Denn damals hatten die Elefanten nicht nur große Ohren, sondern auch wunderschöne, bunte Flügel. Diese Flügel trugen die Elefanten durch die Lüfte und die großen Ohren waren praktische Steuerruder. Abhramu, die Wolkenbinderin hatte die Elefanten mit Flügeln ausgestattet. Die Elefanten waren ihre Kinder, ihre Wolkenelefanten und sie sollten helfen, auf der Erde alles an seinen rechten Platz zu schaffen. Ihr glaubt mir nicht? So ein plumpes Tier wie ein Elefant kann doch niemals fliegen, sagt ihr? Schon gar nicht wolkengleich! Dann seht euch doch einmal einen Schmetterling aus der Nähe an. Ihr werdet feststellen, dass er einem Elefanten gar nicht so unähnlich ist. Er hat schließlich auch einen Rüssel! 

Die Elefanten hatten also eine wichtige Aufgabe auf der Welt, als noch nicht alles so aussah, wie wir es kennen. Sie waren wie die Wolken, die zur Regenzeit aufsteigen, um sich auf den Bergen niederzulassen. Sie sammelten Wasser in ihren Rüsseln und verteilten es in Flüsse und Seen. Sie hoben herumliegende Felsbrocken in die Lüfte, um daraus die Berge zu bauen. Sie flogen hoch und höher und pusteten die dicken Regenwolken zur Seite, damit die Sonne auf die Erde scheinen und die Pflanzen wachsen lassen konnte. Die Elefanten hatten also allerhand zu tun und ihnen wurde nicht langweilig. Doch irgendwann ging das erste Zeitalter seinem Ende zu. Es kam der Tag, an dem Abhramu sich das Werk der Elefanten betrachtete und sagte: “Das habt ihr großartig gemacht. Die Welt ist wunderschön geworden und ich wüsste nicht, wie man sie besser machen könnte. Ich danke euch, meine Kinder. Ihr könnt nun gehen und euch ausruhen.” Und das taten die Elefanten. 

Sie liefen auf der Welt herum, flogen mal hierhin und mal dorthin. Und sie begannen, sich zu langweilen. “Wir haben die Steine zu Bergen aufgetürmt, Seen und Flüsse gefüllt und die Pflanzen wachsen lassen. Was sollen wir nun tun?”, fragten die Elefanten die kluge Gans. “Nun, warum spielt ihr nicht einfach etwas zum Zeitvertreib?”, entgegnete die Gans. Die Elefanten hielten das für eine sehr gute Idee. Und so nahmen sie sich ein paar große Felsbrocken von den Bergen, um mit ihnen Ball zu spielen. Doch die Elefanten waren nicht besonders gut im Fangen und so fielen die Felsbrocken auf die Erde und richteten großen Schaden an. Die Menschen und die anderen Tiere beschwerten sich daraufhin bei Abhramu und diese mahnte ihre Elefantenkinder, sofort mit dem Ballspielen aufzuhören.

Da dachten sich die Elefanten ein neues Spiel aus. Sie holten sich mit ihren Rüsseln Wasser aus Seen und Flüssen und spritzten sich gegenseitig damit nass. Das war ein lustiger Zeitvertreib und die Elefanten konnten gar nicht genug davon bekommen. Doch es dauerte nicht lange, da zogen die anderen Tiere und die Menschen erneut zu Abhramu, um sich zu beschweren. “Die Elefanten leeren unsere Flüsse und Seen. Wenn es so weiter geht, haben wir bald kein Wasser mehr!” Und Abhramu mahnte ihre Elefantenkinder, das Wasser in den Flüssen und Seen zu lassen.

Als die Elefanten überlegten, was sie nun stattdessen tun könnten, sahen sie ein paar Affen, die munter von Baum zu Baum sprangen. Die Elefanten fanden, dass das sehr lustig aussah und taten es den Affen gleich. Doch so elegant die Elefanten durch die Lüfte fliegen konnten, springen war ihre Sache nicht und unter ihrem Gewicht brachen die Bäume wie morsche Äste. Ihr könnt es euch denken: Schon bald trafen erneut Beschwerden bei Abhramu ein. “Die Elefanten zerstören die Bäume. Unsere ganzen schönen Wälder machen sie kaputt!” Die Elefanten hatten zudem einen der heiligen Büßer beim Unterrichten eines Schülers unter den Bäumen gestört und so seinen Zorn heraufbeschworen. Dies ging nun endgültig zu weit. Und die anderen Tiere und die Menschen verlangten, dass Abrahmu dem Treiben ihrer geflügelten Elefanten endgültig Einhalt gebieten sollte.

Abhramu überlegte, wie sie es schaffen könnte, dass die Elefanten keinen Unfug mehr anstellten und die schöne Welt, die sie mit aufgebaut hatten, nicht wieder niederrissen. Schließlich fasste sie einen Plan. Sie schickte ihre Boten zu den Elefanten aus und ließ sie alle zu einem großen Fest einladen. Die Elefanten ließen sich nicht zweimal bitten. Ein Fest? Was für eine willkommene Abwechslung! Von überall her flogen sie zu Abhramus Palast. Überall sah man große Elefantenschwärme am Himmel. Die anderen Tiere und die Menschen wunderten sich sehr. Doch sie hofften, Abhramu würde dem schädlichen Treiben der Elefanten endgültig einen Riegel vorschieben. 

Abhramu hatte unterdessen alles für eine prachtvolle Feier ausgerichtet. Es gab reichlich zu essen und zu trinken. Sämtliche Lieblingsspeisen der Elefanten waren aufgetafelt worden. Auch für die musikalische Unterhaltung war gesorgt. Und als alle Elefanten eingetroffen waren, hielt Abhramu eine kleine Ansprache und bedankte sich bei ihren Elefantenkindern für ihre große Hilfe beim Aufbau der Welt. “Ich bedaure sehr, dass ihr euch nun so langweilit, weil ihr so wenig zu tun habt und dass eure Flugkünste inzwischen mehr Schaden als Nutzen anrichten. Darum gebe ich euch zu Ehren dieses Fest. Und nun esst und trinkt und habt Spaß!” Und die Elefanten aßen und tranken und hatten Spaß. Sie schlugen sich die Bäuche voll und feierten und tanzten bis in die frühen Morgenstunden. Dann fiel ein Elefant nach dem anderen in einen tiefen Schlaf der Erschöpfung. Dies war der Moment, auf den Abhramu gewartet hatte. Sie sprach einen Zauber und nahm den Elefanten ihre Flügel.

Als die Elefanten erwachten, bemerkten sie sogleich, dass sie nicht mehr fliegen konnten. Sie baten Abhramu, ihnen die verlorenen Flügel wiederzugeben, doch diese sagte: “Ich kann nicht zulassen, dass ihr weiter das zerstört, was ihr so wunderbar aufgebaut habt. Doch seid nicht traurig. Jedes Jahr vor Beginn der Regenzeit werden wir zusammen ein großes Fest feiern und uns daran erinnern, wie es war, als ihr noch meine Wolkenelefanten wart und Flügel hattet.” Die Elefanten verließen den Palast. Sie lernten, ohne Flügel zu leben und fanden Gefallen daran, durch Steppen und Wälder zu streifen. Und jedes Jahr vor der Regenzeit feierten sie mit ihrer Mutter Abhramu ein großes Fest und erinnerten sich daran, wie es war, als sie selbst noch wie die Wolken waren, die zur Regenzeit aufsteigen, um sich auf den Bergen niederzulassen. Und wenn ihr einem Elefanten in die Augen seht, dann könnt ihr die Trauer um die verlorenen Flügel darin noch immer darin erblicken. 

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